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Susanne ist dieses Mal mit von der Partie. Schon vor Wochen sind die Vorbereitungen für die Reise angelaufen. Alleine das Montieren der Lowrider-Tragbügel kostet so viel wie ein neues Velo aus dem Supermarkt, da nur eine Extra-Anfertigung auf die breite Wheeler-Vordergabel ihres Fahrrades passt. Hinzu kommt das Anschaffen der passenden Gepäcktaschen, neue Fahrradhelme für uns beide, Regengamaschen, Rückspiegel (nie mehr ohne!) und ein zusätzlicher Mittelständer, denn die Erfahrung letztes Jahr hat gelehrt, dass ein einzelner Heckständer vom Gewicht eines beladenen Tourenrades überfordert ist.

So perfekt die Gepäckstücke auch an einem Velo angebracht sein können, ist es im Hotelzimmer stets mühsam und ärgerlich, an seine Sachen zu kommen, denn die Taschen, einmal auf den Boden gestellt, neigen dazu, nach allen Seiten wegzukippen. Mit einer kleinen Bastelei, sie wird sich auf der Reise bewähren, beuge ich vor (Patent angemeldet):

     

 

4. Juli, Sonntag

1. Tag

Rueras / Sedrun bis Bonaduz

65 km

Der Wecker holt mich um sechs Uhr aus dem Tiefschlaf. Mit verklebtem Auge schäle ich mich aus dem verschwitzten Gepfühl und bin vom Aufstehen weg nervös und fickerig, denke an alles, was noch erledigt sein will, bis wir hier weg kommen. Zudem habe ich mich damit, den Sohn als Co-Fahrer für 0730 zu bestellen, selber unter Zeitdruck gesetzt. Susanne ärgert mich mit ihrer Ruhe.

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Schliesslich aber hängen unsere Fahrräder hinten am R25, wir winken noch einmal unserem Grosi, das am Fenster des Altersheimes nebenan steht und laden unsern Sohn in Steffisburg mit einer Verspätung von einer Viertelstunde auf: Ziel ist es, irgendwo vor Disentis im Vorderrheintal mit dem Fahrrädern zu starten und ihm den Wagen für die Rückfahrt zu übergeben. Als kürzeste Strecke würde sich die Route über den Susten anbieten, aber die Fahrräder am Heck sind etwas breiter als das Auto und ich möchte damit keine Risiken auf einer mitunter engen Passstrasse eingehen. Wir fahren über Interlaken und den Brünig in Richtung der Autobahn, die entlang des Vierwaldstättersees zum Gotthard führt. Noch hat kein Ferienverkehr eingesetzt und wir kommen ohne Stau gut vorwärts. In Altdorf gibt es einen kurzen Halt und dann führt die alte Strasse ab Göschenen die Schöllenen hoch. In Andermatt tanken wir den Wagen mit Bergzuschlag auf, dann geht es über den Oberalppass hinunter ins Vorderrheintal. Mit uns sind einige hundert Radrennfahrer auf der Strasse, es findet ein Massenanlass statt.

Wir widerstehen der Verlockung, bereits von der Passhöhe aus mit unsern Fahrrädern zu starten, denn bei dem Gewicht, das da mit dem Gepäck zusammenkommt, wären die Bremsen bis hinunter ins Tal wohl schon flach geschliffen. Kurz vor Sedrun hat es einen riesigen Parkplatz, dafür gedacht, im Winter die Autos aufzunehmen, deren Besitzer sich von der Bahnanlage nebendran in die Skigebiete hochbaggern lassen.

Mit gemeinsamer Anstrengung gelingt es, die Gepäckstücke alle richtig zu verteilen und zu fixieren, schliesslich zieht jeder Gummizug in die richtige Öse und wir drehen eine vorsichtige Proberunde auf dem Platz. Die Last auf dem Vorderrad ändert das Fahrverhalten völlig. Gegen elf Uhr sind wir bereit für den Aufbruch. Christoph schiesst ein letztes Bild von uns beiden und fährt dann strahlend von dannen: Der Wagen gehört für einige Zeit ihm.

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Der Anfang unserer Fahrt ist Lustigkeit und reines Spassvergnügen: Ein blauer Himmel begleitet uns und die ersten zwanzig Kilometer orientieren sich am Prinzip „DHO“ des englischen Nobelskiclubs aus Wengen: Down Hills Only – es geht abwärts; auf diese Art könnten wir schon morgen in Basel sein. Schliesslich aber wird die Talsohle erreicht und auf einem Naturweg, abseits der grossen Strasse, steigen wir zum ersten Mal ab, um die Fahrräder aufwärts zu schieben – ein Vorgang, in welchem wir noch ungeahnte Fertigkeit erlangen werden.
Ein erstes Stauwehr lässt nur noch ein mickeriges Restwasser abfliessen, kaum vorstellbar, dass aus dem Rinnsal einmal der breite Strom entstehen wird. Am frühen Nachmittag erreichen wir Ilanz, das wir als Tagesziel in Betracht gezogen haben. Mit geduldigem Warten erhalten wir in einer Gartenwirtschaft eine Cola und ein Sandwich und beschliessen, eine oder zwei Stunden weiter zu pedalen – ein Fehler, der uns eindrücklich lehren wird, die kleinen, winkelartigen Hinweise auf Steigungen, die in unserer Karte eingetragen sind, für den Rest der Reise sorgfältigst zu interpretieren.

Wir kennen die Strecke, die auf der Hauptstrasse, linksrheinisch, über Laax und Flims in Richtung Chur führt und dabei auf über 1100m ansteigt, wiegen uns aber im Glauben, dies sei auf unserer Seite nur halb so schlimm und starten frohgemut. Was folgt, sind drei Stunden Kampf gegen Sonne und Müdigkeit, die Steigung ist auch rechtsrheinisch beachtlich. Susanne kommt an ihre Grenzen und über lange (Wander-)Strecken hört man nichts als „ui-ui-ui“ und erschöpftes Keuchen. Das UiUiUi wird auch am nächsten Tag ein Markenzeichen bleiben.

Schliesslich aber sind die Höhen geschafft und was vorher erkrampft worden ist, wird mit einer extrem steilen und kurvenreichen Strasse bis zur Überquerung der Rabiusa, einem Nebenflüsschen des Vorderrheins, von potentieller wieder in kinetische Energie umgewandelt. Die Landschaft ist ungeheuer eindrücklich und wir stellen fest, dass auch die Schweiz ihr Colorado-Gebiet hat.

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Noch einmal steigen wir für drei Kilometer ab, denn nach der Brücke muss erneut Höhe gewonnen werden. Gegen fünf Uhr abends kommen wir in Bonaduz im Hotel Grischunata an. Susanne ist völlig erledigt und auch mein Bedarf ist gedeckt. SO war es eigentlich nicht geplant. Nach der Tageswäsche und einem Wurstsalat in der benachbarten Wirtschaft brauchen wir kein Abendprogramm mehr, bevor wir ins Koma fallen.

 

5. Juli, Montag

2. Tag

Bonaduz bis Altstätten

95 km

Frühturnen entfällt: Bis unsere diversen Gepäckstücke vom Hotelzimmer wieder hinuntergebracht und auf die Fahrräder aufgeschnallt sind, steigt der Puls auf Leistung und die ersten Schweisstropfen müssen, trotz der Kühle des Morgens, von der Stirne gewischt werden. Erst mal geht es zwei Kilometer steil bergab nach Reichenau, dort wo sich Vorder- und Hinterrhein vereinigen.

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Um den Veloweg nach Chur zu erreichen, führt die Strasse aber gleich wieder für eine halbe Stunde steil bergan. Endlich ist mit Tamins, einem malerischen kleinen Bündnerdorf,  die Höhe erreicht. Es darf vermutet werden, dass der Veloweg der alten Verbindungsstrasse entspricht, welche durch die Hauptstrasse, die unten im Tale verläuft, abgelöst worden ist. Zehn mühelose Kilometer später, begleitet von Aussicht auf Rhein und umrahmende Bergwelt, erreichen wir Chur, die Hauptstadt des Kantons Graubünden. Susanne spielt einen Moment lang mit dem Gedanken, einen Besuch im PKZ in der Innenstadt zu machen, in welchem eine ehemalige Arbeitskollegin aus der Filiale in Thun tätig ist. Die Vorstellung aber, verschwitzt ins Zentrum zu kommen und dort auf die Suche zu gehen, lässt uns auf der Umfahrung direkt in Richtung Rheintal weiter radeln.

Hier sei zur Wegfindung offiziell festgehalten: Die Signalisationen für Radfahrer sind, über die ganze Reise hin beobachtet, hervorragend und übertreffen sogar das, was ich in Deutschland als ausgezeichnet befand: Ein einheitlicher Auftritt quer durch alle Kantone, Detailangaben und Wegbestätigungen machen es beinahe unmöglich, sich zu verfahren – sogar für mich.

Es ist zwölf Uhr, als wir in Bad Ragaz ankommen und unsere Fahrt für einen Mittagshalt in einem Terrassencafé unterbrechen. Kaum haben wir uns hingesetzt, kommt, was die grauen Wolken schon lange versprochen haben: Der erste Regenguss auf unserer Reise lässt uns die Fahrräder unter die Markise schieben und nach einer kurzen Mahlzeit, die wir in andächtigem Hunger verschlingen, starten wir, wasserdicht eingepackt. Ein paar wenige Kilometer quer zur Hauptrichtung unserer Fahrt bringen uns auf den ausgebauten Rheindamm. Am Wochenende dürften sich hier die Radfahrer und die Scater wohl dicht in dicht tummeln.

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Der Regen hat wieder aufgehört und für den Rest des Nachmittags wird das Wetter gut bleiben – ja strichweise wird es sogar sommerlich heiss.
Mit dem Wind im Rücken kommen wir auf dem ebenen und geteerten Damm zügig vorwärts. Rechtsrheinisch ist Schloss Gutenberg zu erblicken, welches aus Balzers, dem ersten Dorf des Fürstentums, herausragt. Eine Dreiviertelstunde später sind wir in Vaduz. Die touristische Hektik lässt uns den Gedanken, hier Station zu machen, verwerfen und auch das nachfolgende Schaan, ein endloses, hässliches Strassendorf, lädt nicht zum Absteigen ein, obwohl wir für heute eigentlich genug vom Fahren haben. Hintern, Handgelenke und Knie lassen fühlen, dass das Tagessoll erreicht wäre. Wir kehren über den Rhein zurück auf die Schweizerseite nach Buchs. Ein schönes Hotel am Dorfausgang meldet belegt. Kein Problem, nebenan liegt Werdenberg, einer der malerischsten Flecken des ganzen Rheintales - aber: Kein Hotel.

Weiter nach Grabs. Wirtesonntag.

Gams. Wirtesonntag.

Sax: Die Veloroute führt einen oder zwei Kilometer ausserhalb des Dorfes vorbei. Wir ersparen uns den Abstecher, erfahren aber später, dass hier ein grosses Hotel (mit Hallenbad) auf uns gewartet hätte. Wie trostreich.

Frümsen, Sennwald, Rüti: Wirtesonntag oder Betriebsferien..

Ich zähle auf Oberriet. Aus meiner Junglehrerzeit in dieser Gegend kenne ich das Hotel Rössli, ein grosszügiger, ländlicher Gasthof mit einem wunderschönen, von alten Kastanien beschatteten Garten. Vorher aber ist noch der Hirschsprung zu überwinden, eine kurze, jedoch markante Steigung.
Dort, wo das Rössli stand, ist eine Baugrube. Es entstehen Blöcke.
Beginn der Hotelsuche bei Tageskilometer 50, nun sind wir bei Kilometer 85.

Altstätten ist der nächste grössere Ort, ein regionaler Marktflecken und unsere letzte Hoffnung. Zu müde, die Karte sorgfältig zu lesen (es gäbe einen sicheren Radfahrerweg, der praktisch parallel zur Hauptstrasse führt), kämpfen wir uns auf der grossen, geraden Verbindungsstrasse weiter: Wohl der unerreicht gefährlichste Abschnitt auf unserer ganzen Fahrt. Zum einen sind die Rheintaler nachgerade bekannt für ihre französische Fahrweise und zum andern lässt die schnurgerade, breite Strasse Autobahninstinkte frei werden.

Gegen halb sechs Uhr abends steigen wir vor dem Hotel Sonne in Altstätten von unsern Fahrrädern. Susanne lässt sich erschöpft auf die Hoteltreppe fallen.  Ihre Ui-Phasen haben mit dem Fortschreiten des Nachmittags exponential zugenommen und sind mir allmählich auch aufgestossen – schliesslich hatte ich mit mir selber genug zu tun, ohne auch noch ständig akustisch daran erinnert zu werden, dass längst fertig mit lustig war.

Ach ja: Das Hotel Sonne - Wirtesonntag. Immerhin aber verkündet ein Anschlag, dass Gäste für eine Übernachtung willkommen wären und so erhalten wir, nach fünfundvierzig Kilometern der Suche, doch noch ein Hotelzimmer. Mit letzter Kraft werden die Velos versorgt, das Gepäck ins Zimmer geschleppt und dann beginnt der ID – bekannt aus Militärzeiten als „Innerer Dienst“.
Zwei Stunden später spazieren wir, wieder etwas erholt, geduscht und angenehm verpflegt, durch das malerische, alte Städtchen, dessen Häuser Geschichten erzählen.

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Vor unserm Hotelzimmer plätschert der Dorfbach. In der Nacht wird er übertönt von den beiden Regenspeiern, welche den Niederschlag vom Dach der benachbarten Scheue ableiten. Im Halbschlaf wahrgenommen, hat das Geräusch, zumal man selber ja (noch) im Trockenen ist, etwas durchaus Angenehmes.

 

6. Juli, Dienstag

3. Tag

Altstätten bis Steinach

35 km

Wir haben keine Eile mit dem Start. Draussen regnet es Bindfäden. Die Wetterprognose spricht von Aufhellungen gegen den Nachmittag. Nach einem müden Frühstück, sonor begleitet vom herzhaften Husten eines kettenrauchenden Engländers, der die Morgenaustern hochrotzt, stellen wir unsere Fahrräder unter das Vordach des Hotels, beladen sie mit all den Taschen, überziehen sie mit den Regenabdeckungen und schlüpfen in unsere Pelerinen. Trotz allem Suchen: Susannes Regengamaschen bleiben verschwunden. Sie sind in den Satteltaschen der Virago zurückgeblieben.

Dreihundert Meter nach dem Losfahren halte ich unter einem Vordach: Ich habe die Tasche auf dem Heckträger um 180° verkehrt herum montiert, damit ragen die Wursttaschen nach vorne anstatt nach hinten, ich stosse bei jedem Tritt mit der Ferse an. Start, Klappe die zweite - und keine hundert Meter weiter ruft Susanne, die hinter mir fährt: Das Armband der Uhr meines Pulsmessers hat sich geöffnet und sie ist, von mir unbemerkt, auf die Strasse gefallen.

In Anbetracht des strömenden Regens verzichten wir darauf, den abseits gelegenen Radweg mit Naturstrasse zu suchen und bleiben auf der Hauptstrasse, die über Marbach, Rebstein, Balgach nach Heerbrugg hinunterführt. Im Unterstand einer Bushaltestelle studieren wir die Karte.

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Der Entschluss, auch weiterhin auf der Hauptstrasse zu bleiben, ist rasch gefasst. Der eigentliche Radweg führt in einem weiten Bogen von zusätzlichen fünfzehn Kilometern in unbewohnte Seeregionen hinunter – da die Aussicht durch die verregneten Brillengläser keine grossartige ist, fällt der Verlust auf die Naturerfahrung leicht.  Wir schätzen die Sicherheit des Veloweges oder des Trottoirs neben der Hauptstrasse über St. Margrethen bis hinunter nach Rheineck. Der Verkehr neben uns ist vergleichbar mit dem auf der Rennstrecke von gestern Abend. In Rheineck gibt es einen Kaffeehalt. Trotz Regenschutz: Schultern und Rücken sind nass.

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Das mag einerseits am Spritzwasser liegen, andererseits wohl auch am Schwitzen von innen heraus. Ohne Bewegung frösteln wir sofort. Susanne trocknet ihre Kleider am Handtrockner auf der Toilette. Nicht ohne Heiterkeit erinnern wir uns an eine ähnliche Szene in einer der verfilmten Unmöglichkeiten mit Mister Bean.

Noch immer regnet es und so sehr das kleine technische Museum im Hafengebäude von Rorschach auch interessieren würde – wir treten tropfend weiter. Ein früher Rast zeichnet sich ab. In Steinach, es liegt wenige Kilometer vor Arbon, lädt ein Hotel auf originelle Art zum Absteigen ein:

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Der Wirt, ein quirliges Männchen, das vor an die sechzig Jahren in Oberkrain das Licht der Welt erblickt hat, empfängt mit grosser Zuvorkommenheit. Die Velos sind untergestellt und wir erhalten die Möglichkeit, im Heizraum, direkt neben unserm Zimmer, die nassen Sachen aufzuhängen. Nicht ohne Schrecken stellen wir fest, dass wir direkt über der Kegelbahn einquartiert sind - sie wird jedoch während unseres Aufenthaltes zum Glück nicht frequentiert.

Eine Dreiviertelstunde später sitzen wir zu Tisch. Der Wirt kocht selber, seine (wie wir später erfahren: zweite und aus Honduras stammende) Frau bedient. Sie spricht kein Wort deutsch und wir gewinnen den Eindruck, dass sie in unsern Gefilden nicht glücklich ist.

Röschti mit Gschnetzletem und ein Halbeli Roten lassen eine wohlige Müdigkeit hochkommen. Ich beschliesse, mir zum Kaffee noch einen kleinen Grappa zu gönnen. Was aufgestellt wird, ist nun wohl die Ueberraschung für Radfahrer: Das Schnapsglas ist von der grösseren Sorte und bis zum Rande hin gefüllt.

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Innerlich stöhne ich auf, als die Riesenpfütze vor mich hingestellt wird. Verzweifelt halte ich nach einer Vase oder einem Blumentopf Ausschau, die ich zum Mittrinken einladen könnte. Susanne wird’s nicht tun, für sie schmeckt Grappa ohnehin wie ausgespülter Jutesack und zudem hat sie mit dem Wodkasorbet, welches der Herr Wirt als Nachspeise empfahl, auch genug zu tun.. Es bleibt nichts anderes übrig: Unter gönnerhaftem Blick des Wirtes erschlagen wir unsere Lebern, dann ziehen wir uns, blue in blue,  zu einer Siesta zurück, aus welcher wir mit Pelz in Mund und Kopf gegen den späteren Nachmittag hin aus dem alkoholischen Tiefschlaf in die Wirklichkeit zurücktaumeln.

Eine halbe Autostunde entfernt ist unser alter Freund Jürg zu Hause. Er lässt es sich nicht nehmen, uns zu besuchen, obwohl ich ihn warne, er würde nur zwei müde Schlaffis antreffen. Mit seiner Ankunft ist es Zeit für eine Abendmahlzeit geworden. Die Runde Schnaps, die der Wirt anschliessend ausgeben will, verdanken wir herzlich. Susanne und ich, weil wir schon genug vorbelastet sind und Jürg, weil er ohnehin keinen Alkohol trinkt. Der Wirt ist von uns enttäuscht.

Der Abend zeigt sich in milder Stimmung, der Regen hat aufgehört. Wir spazieren zum See. Jürgs Hund Chili, eine fröhliche Promandenmischung mit dem Charakter eines verspielten kleinen Kindes, tollt herum und wagt sich sogar bis zur Mitte des Vorderbeines in den See.

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Wir winken unserm Freund, der heimfährt und Susanne und ich begeben uns für einen Schlummertrunk in die Gaststube. Es hat kaum Kundschaft, Totehosenabend, und der Wirt setzt sich zu uns und erzählt aus seinem Leben. Es sind bewegte Geschichten, mit besonderer Anteilnahme hören wir zu, wie er in Honduras einen Herzinfarkt erlitt, von der REGA nach Miami geflogen wurde, dort aber erst eine Behandlung erhielt, nachdem die finanzielle Garantie gegeben war.

Uns steht eine lausige Nacht bevor. Zum ersten liegt hinter uns ein ausgedehnter Nachmittagsschlaf, zum zweiten liegen wir selber in einem jämmerlich knarrenden Trog; egal ob sich Susanne oder ob ich mich drehe, es quietscht, knarrt und girrt grauenvoll und zum dritten schlägt die verdammte Kirche vom Dorf her jede Viertelstunde.

 

7. Juli, Mittwoch

4. Tag

Steinach bis Mammern

65 km

Das Frühstück stellt schon zu Tagesbeginn einen Tiefpunkt dar. Das trockene Brot und die beiden noch heissen Aufbackcroissants sind keine gute Werbung für den Schweizer Tourismus. Der Hausherr hat es während unseres Aufenthaltes unter seinem Dach übrigens tunlichst vermieden, uns eine Anmeldung ausfüllen zu lassen oder Essen und Getränke über die Kasse zu tippen: Nicht nur deutsche Wirte (siehe erste Reise nach Neuss) wissen, wie man am Steueramt vorbeiwirtschaftet.

Das Wetter gibt sich kühl, der Himmel ist bedeckt. Die Strecke entlang des Bodensees aber wird reines Vergnügen: Gut ausgebaute Wege, eine wunderbare Aussicht – es steht, entgegen der Wetterprognose, ein angenehmer, trockener Reisetag mit sogar sonnigen Abschnitten bevor.

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Wir erreichen das Ende des Bodensees, ehe wir uns dessen richtig bewusst sind. Die Wegführung ist wie immer gut ausgeschildert, und wir fahren durch Kreuzlingen und vorbei an Konstanz an den Untersee. Am frühen Nachmittag kommen wir in Ermatingen an, mit dem uns die Erinnerung an das Geburtstagsfest einer lieben Freundin verbindet. Es droht ein Gewitter. Wir beschliessen, für eine Nacht zu bleiben, aber das kleine, malerische Hotel direkt am See ist leider bereits ausgebucht. Zum Glück öffnet sich der Himmel nach ein paar wenigen Spritzern wieder.
In Mannenbach, dem nächsten Dorf, weist einer der braungelben Hotelwegweiser den Berg hoch. Steil geht es aufwärts, doch Susanne lässt sich von mir überzeugen: Eine Viertelstunde Rad hochschieben, dafür ein ruhiges Hotel mit schöner Aussicht!! Die Aussicht ist da, aber das Hotel auch nach einer halben Stunde steilsten Anstieges immer noch nicht. Wir erreichen Schloss Arenenberg und erfahren, dass unser Hotel JENSEITS des Hügels, nahe bei Ermatingen läge. Etwas verlegen sehe ich mich nach Susanne um – sie grinst und meint trocken: „Fit mit Igi!“ Die Ui-Zeit ist vorbei, sie hat Kondition entwickelt. Es wird der Morgen kommen, an dem ich Mühe habe, mitzuhalten.

Immerhin: Schloss Arenenberg führt ein Bistro und wir erhalten etwas zu trinken und bringen eine schöne Aufnahme mit Blick von hoch oben über den Untersee mit nach Hause:

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Arenenberg ist Sitz eines weithin bekannten Napoleon-Museums. Wir sind jedoch, verschwitzt und in Tourenmontur, nicht auf Kultur eingerichtet. Die Rückkehr auf die Hauptstrasse am See erfolgt um einiges zügiger als der Abstecher von ihr weg.

Einige weitere Anläufe zur Hotelfindung scheitern, nicht zuletzt auch wieder am Wirtesonntag: Es ist Hauptsaison, wir befinden uns auf einer grossen Durchgangsstrecke – und da gibt es jene Betriebe, die sich die Fünftagewoche leisten, während gleichzeitig der Bund den Tourismus mit Millionengelder subventioniert und fördert.. irgendwo geht das nicht auf.

Fünfzehn Kilometer weiter finden wir in einem heimeligen Riegelbau am Dorfausgang von Mammern das Hotel Schiff. Die Gäste sind in einer Dependance untergebracht. Sie ist frisch renoviert und zeigt eine gelungene Kombination von traditioneller und moderner Bauweise, in ruhiger Lage innerhalb von Obstgärten - ein Glückstreffer:

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Das Zimmer, fast eine kleine Suite, lässt Susanne, die mittlerweile doch ziemlich erschöpft ist, vor Entzücken beinahe aus dem Häuschen geraten. Wir richten uns ein und beschliessen, dass heute auch das Nachtessen vom Feinern sein dürfe: Wir feiern Hochzeitstag mit vierundzwanzig Stunden Vorsprung. Wäre nämlich unser Trauzeuge vor 27 Jahren nicht verhindert gewesen, hätten wir uns nicht erst am achten Juli, sondern bereits am 7.7.77 standesamtlich trauen lassen. Mit dem vorgezogenen Hochzeitstag umschiffen wir zudem eine bisher nie gelöste eheliche Meinungsverschiedenheit: Für Susanne war der Hochzeitstag stets der 9. Juli, an dem das ganze Trallala in der Kirche stattgefunden hat, für mich aber war und bleibt es der Tag der zivilen Trauung, da ich meinen Teil der kirchlichen Hochzeit stets nur als Konzession an die Familie verstanden habe, die solches wünschte.

So gepflegt unser Zimmer ist, so fein ist auch die Gaststube. Altes, dunkles Holz kontrastiert mit gestärkten Tischtüchern und weissem Porzellan. Der Service hat Stil, der Zander meunière ist ein Traum und der hauseigene Wein, hier im Ort gewachsen, lässt Engelchen in Samtpantoffeln über die Zunge huschen.

Am See, hinter unserm Hotel und verborgen hinter hinter Apfelbäumen, steht ein einsamer Steg mit einem Bänkchen. Wir sitzen in friedlichsatter Zweisamkeit in der Stille und sehen zu, wie es allmählich dunkel wird.

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8. Juli, Donnerstag

5. Tag

Mammern bis Eglisau

65 km

Vor dem Frühstück machen wir einen kurzen Spaziergang zur Schiffsstation Mammern. Der Morgen ist kühl, der Himmel mehrheitlich bedeckt, für den Nachmittag sind Gewitter angesagt.

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Am weissgedeckten Tisch geniessen wir Brot, Brötchen, Croissants, hausgemachte Konfitüre und feinen Kaffee - dieser Zmorgen entschädigt sogar noch für die Jämmerlichkeit des Vortages.

Während ich nach dem Bezahlen vor unserer Haustür das Gepäck richte und Susanne die letzten Sachen aus dem Zimmer räumt, steigt aus dem oberen Stock der deutsche Grosskotz herunter, der ebenfalls hier genächtigt hat. Gönnerhaft erkundigt er sich nach dem Woher und Wohin und lässt mich wissen, dass er in Disentis eine Ferienwohnung hätte, aber in diesem Kaff sei ja nichts los und daher müsse man sich ab und an ins Unterland begeben. Worauf er mit seiner aufgedonnerten Zürchernutte ins Mercedescabriolet steigt und von dannen fährt - ich wünsche den beiden Läuse auf dem Kopf und zu kurze Arme zum Kratzen.

Uns steht, wie gestern, eine schöne, abwechslungsreiche Fahrt bevor. Schon wenige Kilometer nach dem Start kommen wir an die Stelle, an der sich der Untersee zum Rhein verengt und wir fahren über die Brücke auf das rechte Ufer hinüber, in das malerische Stein am Rhein.

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Noch bevor die ersten Cars ihre Japanerladungen ausspeien (sie werden gleich fuderweise folgen), wandern wir, die Fahrräder schiebend, das Städtchen auf und ab und schauen und staunen.

Wir setzen uns für eine erste Pause in einem Strassencafé, Susanne bestellt ihre "Schale", ich meinen schwarzen Kaffee. In unserm Rücken befindet sich ein Geschäft für Fahrradzubehör und wir schauen vor der Weiterfahrt aus Neugierde hinein. Ein leichter, grosszügig geschnittener, parka-ähnlicher Regenschutz sticht uns ins Auge und wir entscheiden uns, mit der Anschaffung das Ferienbudget etwas zu strapazieren. (Wir werden darüber noch glücklich sein!)

Die rechtsufrige Fahrt ist, auch dort, wo sie sich vom Rhein entfernt, abwechslungsreich und spannend und nicht einmal die Steigung vor dem Wald, in welchem wir für kurze Zeit auf deutschem Gebiet fahren, tut unserem Vergnügen Abbruch. Diessenhofen am linken Ufer ist in der Morgensonne an reizvoller Schönheit nicht mehr zu überbieten.

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Auf die Mittagszeit hin liegt Schaffhausen bereits hinter uns und wir sitzen im Selbstbedienungsrestaurant auf dem Plateau, welches sich über dem Rheinfall erhebt. Ein Blick über die Umfassungsmauer des Einganges reicht, wir steigen nicht hinunter auf die Aussichtsplattform, denn NOCH ist das Wetter gut und wir wollen weiterkommen. Den Rheinfall kennen wir zudem von früheren Besuchen.

Wieder auf dem linken Ufer folgen wir dem Führer: Mal liegt die Route unausweichlich auf einer Ueberlandstrasse, dann führt sie auf Waldwegen entlang des Rheins und später quer über die Felder nach Flaach. Leider gibt es kein Hotel – zu gerne würde ich hier Halt machen und mich dem Trunke ergeben: Der einheimische Rotwein ist mir, selbst aus der zeitlichen Distanz von wohl dreissig Jahren, von Militärtagen her in lieblicher Erinnerung.

Die Karte hat es angedroht und sie hält, was sie verspricht: Es geht den „Irchel“ hoch – und wie. Ans Fahren ist mit unserm Gepäck nicht zu denken und so schieben wir unsere Velos, geduldig Schritt vor Schritt setzend und dabei mit Sorge den dunkler werdenden Horizont betrachtend, die Strasse hoch. Ab und an fällt ein Tropfen vom Himmel; noch bleiben sie zählbar. Beim letzten Bauernhof vor der Krete stellen wir uns unter das Vordach, bereiten inmitten von Schwärmen von Brämen und Fliegen den neuen Regenschutz zum Einsatz vor und decken die Gepäckstücke mit den Schutzüberzügen ab. So steil wie es hochging, so steil geht es nun auf der andern Seite wieder hinunter. Die Abdeckung auf meiner vorderen Packung ist wohl zuwenig straff übergezogen. Sie bläht sich wie ein Fallschirm und bremst auf diese Weise, so dass ich sogar beim talwärts Fahren mit Treten nachhelfen muss.

Das Gewitter dräut, aber uns bleibt nichts anderes übrig: Die Fahrt führt von der Zivilsation weg, hinunter, dort wo die Töss in den Rhein einmündet. Wie mit dem Rotwein der Gegend verbinden mich auch mit der  „Tössegg“ Erinnerungen an Militärzeiten, nur sind sie dieses Mal von der weniger verklärten Art: Keine Rekrutenschule, kein Unteroffiziersdienst, kein Wiederholungskurs, in welcher ein Marsch nicht dort vorbeiführte, um dann über die „Wagenbrechi“ auf der andern Seite herauszufinden, wie viel ein Mann mit Gepäck und Sturmgewehr auf einem Nachtmarsch ertragen kann.

Unser Weg weist nicht über die Wagenbrechi; die Steigung, die entlang des Rheines nach Tössriedern führt, bleibt nachgerade manierlich. Wenig später: Sekundenschnell erhebt sich kalter Wind, dem auf dem Fusse das Gewitter folgt. Wir haben Glück und können uns bei den ersten Bauernhäusern unterstellen.

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Später erfahren wir, dass wir uns in der Randzone eines der schlimmsten Gewitter seit Jahren befunden haben: Ganze Landstriche werden verhagelt und es entstehen Wasserschäden in Millionenhöhe. Nach einigen Minuten ist hier der Spuk vorbei, zwar regnet es noch, der Himmel aber ist nicht mehr nachtschwarz. Wir wagen es, die letzten vier Kilometer bis Eglisau anzugehen. Dort MUSS ein Hotel gefunden werden!

Der Flecken liegt für Radfahrer nicht günstig: Er breitet sich links und rechts des Rheines aus und auf beiden Seiten der Brücke geht es hoch (oder hinunter – je nachdem, woher man kommt.). Nach einer Suche im Stile " runter-hoch-runter-hoch", verbunden mit einer Rückfrage auf der Gemeindeverwaltung, die wir zufällig entdecken, finden wir den Gasthof "Rheinfels". Schon beim Eintreten ist die dicke Luft, die zwischen der Patronne und der Serviertochter herrscht, fast mit den Händen zu greifen. Offenbar stehe ich der Mamsell, sie ist stattlich und breit gebaut, im Wege und mit einem barschen „Obacht!“ pfeift sie mich zur Seite. Die Wirtin selber ist mit einem Gast an einem der Tische am Wisswy plodere, erhebt sich aber, grüsst freundlich und ich lasse mir ein Zimmer zeigen: Es ist frisch renoviert, das Mobiliar, alles weisser Kiefer, ist absolut neu. Mag die Wirtin auch ihren Lampion begiessen (sie wird es ziemlich durchgehend tun) und die Serviertochter raunzen: Wir steigen gerne ab. Wenig später öffnet der Himmel seine Schleusen für Stunden.

Während des Abendessens, die Serviertochter hat nach einigen freundlichen Worten nachgerade Anhänglichkeit entwickelt, setzt sich dann das Stimmungsmosaik, zu welchem die gehäkelten Blumen auf dem Bord über dem Tisch eine hervorragende Illustration abgeben, zu einem Bild zusammen:

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Offenbar ist in der vergangenen Nacht, kurz vor Feierabend, der Serviertochter das Portemonnaie mit den Tageseinnahmen von an die tausend Franken entrissen worden. Die Anteilnahme der Wirtin bestand in der Feststellung, wenn sie, die Serviertochter, keinen so breiten Arsch (sic!) hätte und nicht so fett wäre, hätte sie dem Dieb ja nachsetzen können – und im übrigen habe sie gratis zu arbeiten, bis der Schaden gedeckt sei. Das arme Mädchen bebt vor Empörung und ich empfehle ihr, sich von ihrer Versicherung beraten zu lassen. Daneben aber befinden Susanne und ich, das sei nicht unser Geschäft und wir hüten uns, Partei zu werden oder gar Stellung zu beziehen.

Die Fahrt durch die Gegend von Flaach bis hierher hat in mir Erinnerungen geweckt, und ich lasse mir von der Telefonauskunft die Nummer von "Schesche" geben, einem alten Freund aus den Tagen bei der Funker Kompanie 24. Es sind weit mehr als zehn Jahre her, dass wir bei einem Treffen der ehemaligen Uebermittlungswachtmeister Kontakt hatten – aber erstaunlich: Nach drei Sätzen schwingen die Emotionen wieder und wir unterhalten uns angeregt über längst vergessene Märsche, Durchhalteübungen, über Verbindungen, Kollegen und beliebte ("Fofo") und verhasste ("4senkrecht") Vorgesetzte.
In meinem Hinterkopf nimmt die Idee, ein Treffen zu organisieren, erste Formen an.

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Meine von allen Seiten belächelten Taschenträger bewähren sich auch bei dieser Einquartierung wieder aufs Beste. Rechts, an den Türen des Schrankes, die zum Trocknen aufgehängten neuen Regenparkas:

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9. Juli, Freitag

6. Tag

Eglisau bis Bad Säckingen

65 km

Wir schlafen nicht gut: Das „frisch“ duftende Zimmer entwickelt sich über Nacht, trotz weit geöffnetem Fenster, zu einem Kopfweherzeuger. Die Möbel dünsten Konservierungsstoff und Lack aus und am Morgen sind meine Brust, mein Hals und mein Kopf zu, verklebt und geschlossen. Susanne erlebt es ähnlich. Unterhalb des Hotel weidet zudem eine Schafherde und die Scheissviecher blökten die halbe Nacht hindurch.

Nein, es ist kein guter Morgen. Und auch das Frühstück ist nicht dazu angetan, die Laune zu heben. Es ist mickerig - und die paar Brocken Käse könnten, ausgetrocknet, gelb und brüchig wie sie sind, einem Lebensmittelinspektor Daseins-Sinngebung vermitteln.

Immerhin: Es regnet nicht mehr, aber es ist kalt und uns weht eine gnadenlose Bise entgegen. Ich habe Mühe, Susannes Tempo mitzuhalten und sauge die Luft keuchend ein. Mein Inneres scheint nur noch aus Lösungsmitteln zu bestehen. Ich kann dem Morgen, von dem mein Weib behauptet, er gefalle ihr, überhaupt nichts abgewinnen. Es kommt mir vor, als fahre ich mit angezogener Handbremse. Von der Strecke kriege ich nichts mit, und ich trete gallig gegen mich selber an. Immerhin: Ich realisiere den Zusammenfluss von Aare und von Rhein. Allmählich wird was aus dem Fluss.

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Irgendwo gibt es einen Kaffeehalt, ansonsten setzt meine Erinnerung an die Morgenfahrt an die dreissig Kilometer nach dem Start erst ein: Wir näheren uns Koblenz, der Himmel öffnet mal wieder die Schleusen und wir, diesbezüglich haben wir Glück, stehen unmittelbar neben einem Werkhof, der uns Unterstand bietet, bis wir unser Gepäck und uns selber eingehüllt haben.

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Es geht mir nun wieder etwas besser. Ich realisiere, dass ich ausgekühlt bin und erst unter der Regenparka, die auch Windschutz bietet, allmählich auf „Betriebstemperatur“ komme.

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Wenige Kilometer nach dem Atomkraftwerk Leibstadt, das die gewaltigen Dampfwolken seines Kühlturmes in die Regenwolken des Himmels drückt, führt bei „Schwaderloch“ ein schmaler Steg über den hier mit Staustufe doppelt vorhandenen Rhein auf die deutsche Seite hinüber. Auf Schweizerseite ist das nächste Dorf noch einige Kilometer entfernt, auf der deutschen Seite steht es, zumindest nach der Karte zu urteilen, just am andern Ufer. Es ist Mittag und wir haben Hunger.

Wir überqueren den Rhein und verfahren uns erst einmal, denn die Wegweisung ist marginal, und, wo überhaupt angebracht, missverständlich. Immerhin: Wir finden das Dorfzentrum von Albbruck und sind dankbar für eine warme Mahlzeit. Hier sind, für einmal, die moderaten deutschen Preise aus früherer Zeit erhalten geblieben, ansonsten aber bestätigt sich, worüber ganz Deutschland klagt: Der ehemalige Preis in Mark ist gegen den gleichen Preis in Euro ausgetauscht worden. (Nur bei den Löhnen scheint die Umrechnung zu Ungunsten der Arbeitnehmer funktioniert zu haben.)

Wir bleiben auf der deutschen Seite und wäre da nicht die Umleitung wegen einer Baustelle, die uns nötigt, die Fahrräder einen nachgerade unanständig steilen Hang hochzuschieben, könnte man von einem schönen Abschnitt sprechen.

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Die gute Laune und die Freude am Fahren kehren mit Laufenburg, auf Schweizergebiet und in Deutschland mit gleichem Namen beiderseitig des Rheins gelegen, wieder zurück. Die fünfzehn Kilometer bis Bad Säckingen, meist malerisch entlang des Rheines, retten das Fahrerlebnis des Tages endgültig.

So gross Bad Säckingen ist, so schwierig gestaltet sich die Hotelsuche. Ich stehe wohl fünf Minuten an der Récéption des besten Hauses auf dem Platz, werde aber weder gegrüsst, denn nach meinem Wunsch gefragt. Ein Hilfsknecht ist mit dem Einchecken einer andern Radfahrerin beschäftigt und die beiden Tüpfi daneben haben anscheinend Wichtiges zu besprechen. Ich empfehle mich.

Am Ortsrand finden wir einen auf Touristendurchlauf konzipierten Batteriebetrieb. Die erste und einzige technische Panne der ganzen Reise passiert: Ich schalte unsorgfältig und die Kette springt aus der Führung. Ich muss das Fahrrad die letzten paar Meter bis zum Eingang schieben. Die Studentin am Empfang, sie outet sich als Tochter eines Fahrradmechanikers, lechzt danach, mir beim Einhängen zu helfen, aber zu ihrer Enttäuschung schaffe ich es selber im ersten Anlauf, die Kette wieder in die Spur zu legen.

Zimmer und Bad sind grosszügig ausgemessen, sauber und komfortabel, das Restaurant, eine Kombination aus Kantine, Selbstbedienungsladen und Serviceabteil enttäuscht eher. Das Salatbuffet lässt gar vermuten, dass der Wirt, in einfachem und ehrlichem Deutsch ausgedrückt, ein Schweinehund ist: Von den ausgestellten Salaten (Wurst, Kartoffel, Teigwaren..) bekäme vermutlich selbst ein Aasfresser Bauchweh.

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Wir beschränken uns auf Gegartes und auf Flüssiges. Die Flasche Rotwein, die ich mit einigen Bieren umrahme, macht auch Susanne Freude und bevor wir eine zweite bestellen, ziehen wir uns zurück. Wir sind müde, die respektable körperliche Leistung der vergangenen Woche fordert ihren Tribut. Wir fassen den Entschluss, am nächsten Tag einen Ruhetag einzulegen, um am Sonntag dann über Basel in Richtung des Laufentals zu fahren und so am Montag oder Dienstag über Jura und Mittelland bis vor die Haustüre mit den Fahrrädern heimzukehren.

 

10. Juli, Samstag

7. Tag

Bad Säckingen bis Basel

35 km

Es hat praktisch die ganze Nacht geregnet und ich bin Susanne dankbar, dass sie meine Wäsche, die ich in alkoholschwangerer Trägheit auf dem Balkon hätte hängen lassen, trotz meiner blöden Sprüche, mit dem ich ihren Hausfrauendrang begleitet habe, vor dem Einschlafen doch noch abgenommen hat.

Der Wetterbericht für den Tag ist nicht berauschend, die Prognose für die nächsten Tage empfiehlt das Wachsenlassen von Schwimmhäuten.
Das Schöne nach bald dreissig Jahren Partnerschaft ist es, dass es nicht mehr viele Worte braucht, um sich zu verstehen. Wir blicken uns an und wissen Bescheid: Wir pfeifen auf den Trompeter von Säckigen – Schmuckis fahren nach Hause.
Das Frühstück gibt dem Salatbuffet von gestern Abend durchaus die Fütterung, Motto: Wenn Sie Brot von heute wollen, dann kommen Sie morgen wieder! Es ist uns egal: Alea jacta est.

Unsere Velos sind in der riesigen Tiefgarage beinahe Sologäste und, nachdem wir es geschafft haben, unser Gepäck über zwei Korridore und einen frisch gestrichenen Lift mit Paternostercharakter hinunter zu schaffen, freuen wir uns nach dem Packen auf die dreissig Kilometerchen, die bis zum Hauptbahnhof Basel noch verbleiben. Nun ja. Sie haben es dann doch in sich. Wie gestern geht die Bise. Mein Regenschutz dient als Windjacke.

Naturschönheit und ausgeschilderter Veloweg sind uns egal: Wir kehren über die naheliegende Brücke in die Schweiz zurück, um direktemang über die Hauptstrasse und ohne weitere Fisimatenten nach Basel zu gelangen. Es ist Samstag und der Verkehr dürfte ohne Lastwagen auch auf den Hauptachsen erträglich sein. So denkt man, bis man sich auf der Hauptstrasse findet, die über Möhlin nach Rheinfelden führt. Sie steigt, scheinbar sanft – aber für uns, mit unseren überladenen Velos, deutlich zu lange und zu ermüdend.

Wir steigen ab und wandern, zum letzten Male auf dieser Reise, dem Strassenbord entlang. In Anbetracht des tieffliegenden Morgenverkehrs, nicht unähnlich dem vor einigen Tagen auf der Strasse nach Altstätten, ist dies vielleicht sogar eine lebenserhaltende Massnahme. Möhlin liegt hinter der Krete und wir nähern uns auf der Suche nach einem Café quer durchs Städtchen wieder dem rot markierten Veloweg. Beim Dorfbäcker, der auch einige Kaffeetische führt, herrscht hektisches Gedränge. Samstagmörgeler kämpfen mit den Freitagnächtlern um die Plätze.

Die Kilometer ziehen sich nun doch recht zähe, denn es ist ein Unterschied, ob man nach dem Lustprinzip unterwegs ist, oder ob man etwas hinter sich bringen will.  Nach Rheinfelden, wir befinden uns immer noch eine gute Stunde vor Basel, ruft unser Sohn übers Handy an und erkundigt sich nach dem Wohlbefinden der alten Herrschaften. Nach kurzem Überlegen kommt er zum Schluss, dass er durchaus Zeit hätte, uns in Basel mit dem Auto abzuholen – ein Angebot, das wir nur allzu gerne annehmen. Wir vereinbaren den Treffpunkt: 13 Uhr, unter der Wettsteinbrücke in Basel. (Der Ort hat für mich eine besondere, fast schon mystische Bedeutung.)

Wir sind eine Viertelstunde zu früh dran – sie verhilft uns im Finale unserer Reise doch noch zum einschlägigen Kulturerlebnis, das uns bei den Museumsbesuchen versagt geblieben  ist. Das zusammengenagelte Bretterpodium,  just oberhalb der Wettsteinbrücke ragt es übers Rheinbord hinaus, ist nämlich keine Werkplattform – nein: ES IST KUNST!! Und zudem nicht nur von einem blöden einheimischen Kulturfuzzie, sondern von einem mit internationalem Tötsch!!! Der aufgelegte Prospekt verrät es:

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„Das diesjährige Kunstprojekt der sun21 stammt vom japanischen Künstler Tadashi Kawamata: eine Plattform aus geliehenem und wiederverwertbarem Holz am Rheinufer. Sie ist Treffpunkt für alle, die sich der Sonne zuwenden und den Strom und die Kraft des Flusses geniessen wollen.“
Wie haben die Basler seit dem Wiederaufbau der Stadt nach dem Erdbeben von 1356 ohne diesen Seelenbalsam überhaupt von Fasnacht zu Fasnacht überleben können??

Unser Sohn kommt an und stört mit seinem prosaisch begeisterten Gehupe unsere transzendentale Versenkung.
Ich freue mich, ihn wiederzusehen, ich freue mich, nicht mit der Bahn heimreisen zu müssen – mit der Nonchalance eines spanischen Granden kann ich dabei sogar darüber hinwegsehen, dass Junior die Stossstange vorne rechts etwas verändert hat. (Er wird es zwei Wochen später, eigenhändig und durchaus gekonnt, wieder in Ordnung bringen.)

Die Reise hat mit einer gemeinsamen Aufnahme beim Start begonnen und sie endet auf die gleiche Weise. Ich würde unsere Woche gegen keinen Luxusurlaub eintauschen.

 

 

 

Bild (mit Ausnahme Kartenausschnitte) und Text © 20.07.2004 ignaz.schmucki

Kartenausschnitte aus "bike line:  Rhein-Radweg, Teil 1" -
an dieser Stelle ein ungesponsorter Dank an die Redaktion von "bike line" 
und eine Empfehlung zur Anschaffung: Zur Zeit sind Führer für rund einhundert Ferienstrecken verfügbar.